Knäckebrot

Wer es schon morgens beim Frühstück richtig krachen lassen möchte, isst Knäckebrot. Das Wort „Knäckebrot“ selber ist ja ein Euphemismus. Beißt man in eine Scheibe des säuberlich viereckigen Nahrungsmittels, so knäckt oder knackt es nicht irgendwie – nein, es kracht. Es kracht so fürchterlich im Mundraum, dass einige Menschen an Kriegshandlungen oder terroristische Anschläge erinnert werden.

Für den daraus entstandenen Unwillen, in Zukunft Knäckebrot zu essen gibt es sogar schon einen medizinisch-therapeutischen Fachbegriff: die „Knäckophobie“.

Knäckebrot ist sehr hart, fast so hart wie der legendäre Krupp-Stahl. Hat man ein Stück abgebissen und wälzt man das schrundige Teil im Mundraum hin und her, muss man um seine Gaumenhaut fürchten. Man wähnt blutige Einschnitte, wogegen aber nur weiteres beißendes Zermalmen hilft. Menschen mit einer Beißhemmung sollten besser kein Knäckebrot essen, denn durch bloßes Einspeicheln und von der einen-Backe-in-die-andere-schieben ist noch nie ein Knäckebrot zu Brei gemacht worden.

Knäckebrot ist u. a. bei Männern sehr beliebt, weil es wahrscheinlich zu den letzten Dingen gehört, die ein Mann beißend zermalmen kann. Beißendes Zermalmen geht nicht beim Wrestling und auch nicht beim Boxkampf, schon wegen des vorgeschriebenen Mundschutzes nicht. Obwohl es in der Geschichte der Box-Schwergewichts-Weltmeisterschafts-Kämpfe doch einen Fall gab, wo gebissen wurde: beim Kampf Mike Tyson gegen Evander Holyfield in Paradise, Nevada. Mike Tyson reimte sich damals schon auf „beißen“ und Evander Holyfield auch schon auf „der ihm das Ohr hinhielt“. Vielleicht hatte Mike Tyson vor dem Kampf zur Stärkung ein paar Knäckebrote zermalmt und befand sich mental noch im Knäckebrot-Modus.

Ich will hier aber gar nicht weiter auf diesen denkwürdigen Boxkampf eingehen, sondern erklären, dass Männer auch noch aus einem zweiten Grund Knäckebrote lieben: natürlich wegen der Technik. Knäckebrot ist schwer mit einem Messer sauber durchzuschneiden. Für einen sauberen Schnitt benutzt der technikaffine Mann deshalb heutzutage jene kleinen Tisch-Bandsägen, die es seit geraumer Zeit im Handel gibt, und zwar mit Strom aus der Steckdose oder mit einem Akku von der japanischen Firma Makita. Einen schweren Hilti-Flex mit einer Stahl-Trennscheibe zu benutzen würde sicherlich – nicht nur im übertragenen Sinn – zu viel Staub aufwirbeln. Man müsste überdies eine Sicherheitsbrille und einen Gehörschutz tragen und das wäre der morgendlich guten Stimmung am Frühstückstisch wahrscheinlich abträglich.

Ökologisch bewusst denkende Menschen kaufen natürlich keine neuen Elektrogeräte für den Frühstückstisch – allein schon wegen der Kausalkette Stromverbrauch-CO2-Ausstoss-Erderwärmung. Öko-Männer haben zum Schneiden des Knäckebrotes die gute alte Laubsäge wieder aus dem Keller geholt. Damit könnten sie ihrer Frau sogar kleine Herzchen aus der Sorte „Knäcke Ballaststoff“ aussägen. Ein rührendes Bild: Während die Frau in ihrem flutschigen Müsli rührt, sägt der Mann kleine Knäckeherzchen aus, die er seiner Liebsten dann auf das Frühstücksbrettchen legt. Ist das nett!!

Die Frau hat leider eine Beißhemmung gegenüber dem Knäckebrot, aber dafür eine tolle Zweitverwertungs-Idee: sie bittet den Mann, noch ein kleines Löchlein in das Herzchen zu bohren, durch die sie dann einen goldenen Faden zieht. Fertig ist der Christbaumschmuck. Es ist dabei überhaupt nicht schlimm, wenn der Mann das Herz – sagen wir im Sommer – ausgeschnitten hat. Knäckebrot hat eine mehrjährige Mindesthaltbarkeitsdauer, sodass der Mann bis Weihnachten noch reichlich Zeit hat, weitere Herzchen, Tannenbäumchen und sogar Krippenfiguren aus Knäckebrot auszusägen. Als nächstes dreht der Mann dann mit seinem Smartphone ein kleines Video über seine neue Frühstücksbeschäftigung und stellt dieses Video bei youtube ein, wo es viele Menschen auf der ganzen Welt anklicken. Facebook-Gruppen werden gegründet, es gibt ein Forum, auf dem sich Experten und Anfänger austauschen und das Knäckebrot-Laubsägen beginnt seinen Siegeszug um die Welt.

So geht es eben, wenn ein Mann eine Sache richtig anpackt und entschlossen ist, etwas nachhaltiges auch nachhaltig zu tun. Die Thematik Knäckebrot ist eben nichts für Weicheier, wenngleich man natürlich ein weiches Ei dazu essen kann. Durch das weiche Ei wird jedoch der eigentliche Charakter des Knäckebrotes, nämlich hart, kantig und schrundig zu sein, nun ja, nicht, verwässert aber doch verweicheiert, was auf dasselbe hinausläuft.

Knäckebrot ist etwas für Männer in karierten Holzfällerhemden, die nach dem Knäckebrot-Frühstück aufstehen, um den meterhohen Schnee vor dem Haus wegzuschippen, oder Männer in ihren bunten Radfahrer-Pellen, die an einem Tag den Kilimandscharo mit dem Mountanbike hoch fahren.

Oder aber für solche, die ihrer lieben Frau weitere Herzchen aussägen.